

Ich selbst wurde 2019 mit 49 Jahren FIRE. Dieses Gefühl von Freiheit empfinde ich auch sieben Jahre später noch als großes Privileg. Doch FIRE ist nicht für jeden die beste Lösung. Für manche kann Semi-FIRE besser passen – und oft ist es auch leichter erreichbar.
Semi-FIRE ist die Teilzeitvariante in einem flexiblen Arbeitsmarkt. Du baust ein beträchtliches Vermögen auf, aber nicht genug, um dich komplett aus dem Arbeitsleben zurückzuziehen. Deine Investitionen decken den größten Teil deiner Kosten. Die verbleibende Lücke füllst du mit Teilzeitarbeit, freiberuflichen Aufträgen, Saisonarbeit oder einem netten Nebenjob.
Viele Menschen nennen dies auch Barista FIRE oder Coast FIRE. Du musst nicht extrem leben, um dein Ziel zu erreichen, und behältst automatisch eine finanzielle Reserve. Wenn die Börse schlecht läuft oder die Gesundheitskosten steigen, arbeitest du einfach ein paar Stunden mehr.
Der klassische FIRE-Ansatz geht davon aus, dass du etwa das 28-Fache deiner jährlichen Ausgaben an Vermögen haben musst, um nie wieder arbeiten zu müssen.
Angenommen, du benötigst 40.000 € pro Jahr, um komfortabel zu leben.
FIRE: Erforderliches Vermögen = 40.000 € × 28 = 1.120.000 €.
Semi-FIRE: Du beschließt, noch zwei Tage pro Woche freiberuflich zu arbeiten oder einen Job anzunehmen, der dir 15.000 € pro Jahr einbringt. Dann musst du nur noch 25.000 € aus deinem Vermögen entnehmen. Erforderliches Vermögen = 25.000 € × 28 = 700.000 €.
Der Unterschied? Gut vierhunderttausend Euro. In der Praxis bedeutet das, dass du wahrscheinlich Jahre früher aus dem Vollzeit-„Hamsterrad“ aussteigen kannst. Das ist ein großer Teil deines Arbeitslebens, den du gegen Freiheit eintauschst.
Was mir bei Menschen auffällt, die FIRE leben: Nicht jeder ist gleichermaßen gut darin, sich sinnvoll zu beschäftigen. Für die einen bedeutet dies optimale Freiheit, für die anderen einen Mangel an Struktur und Sinn.
Ich stehe jeden Tag pünktlich auf und beginne den Tag viermal pro Woche mit Sport. So habe ich schon eine Menge Struktur und fühle mich erfüllt, wenn ich nach dem Sport meinen Kaffee trinke. Außerdem fühle ich mich durch meine ehrenamtliche Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung, meinen Blog (mit dem ich Menschen dabei helfe, finanziell freier zu werden) und das Herstellen von Möbeln für andere nützlicher als zu der Zeit, als ich noch angestellt war. Beim Möbelbau verlange ich nur die Materialkosten zurück. Das gibt mir viel Befriedigung und schafft eine Dynamik des Überflusses, die ich großartig finde. Geld ist keine Triebfeder mehr, und das schafft enormen Freiraum.
Bei Semi-FIRE muss man noch einen Teil seines Einkommens verdienen. Das mag wie eine Einschränkung klingen, kann aber auch Vorteile haben. Man hat automatisch ein Ziel und einen Rhythmus. Bei FIRE muss man das ganz selbst gestalten – für manche ein Segen, für andere eine große Herausforderung.
Semi-FIRE fühlt sich nie ganz so frei an wie FIRE. Es bleibt ein kleines bisschen Verpflichtung zurück. Aber das Gefühl der Freiheit ist doch um einiges größer als bei Menschen, die sich überhaupt nicht mit FIRE beschäftigen. Außerdem kann man bei Semi-FIRE viel kritischer sein, welche Arbeit man annimmt. Man kann leichter Nein zu schlechten Bedingungen oder nervigen Jobs sagen. Das allein ist schon viel wert.
Bei FIRE bist du vor allem in den ersten zehn Jahren deines FIRE-Lebens dem sogenannten „Sequence-of-Returns-Risiko“ ausgesetzt. Wenn die Börse kurz nach deinem Ausscheiden aus dem Berufsleben stark einbricht und du beginnst, Geld für deinen Lebensunterhalt abzuheben, kann dies dazu führen, dass dir vorzeitig das Geld ausgeht. Dann musst du dir also wieder einen Job suchen.
Wenn du Semi-FIRE bist und also noch etwas arbeitest, ist die Auswirkung des Sequence-of-Returns-Risikos viel geringer und du kannst oft leichter umschalten, um wieder etwas zusätzlich zu arbeiten.
Dies kann auch dazu führen, dass Semi-FIRE besser zu jemandem passt als FIRE, insbesondere bei risikoscheuen Personen.
FIRE bietet die ultimative Freiheit. Du bestimmst selbst, wie deine Tage aussehen. Aber du gehst auch ein höheres Risiko ein, da du jahrzehntelang vollständig von deinem Vermögen abhängig bist. Struktur, soziale Kontakte und Sinnhaftigkeit musst du ganz allein organisieren.
Semi-FIRE ist leichter zu erreichen. Man muss nicht so extrem sparen und hat durch das Arbeitseinkommen ein Sicherheitsnetz. Man behält Struktur und Rhythmus und kann Erfüllung in einer selbst gewählten Arbeit finden. Der Nachteil ist, dass man nie ganz frei ist.
Der Arbeitsmarkt ist dank Remote-Arbeit und Selbstständigkeit flexibler denn je. Dadurch ist Semi-FIRE mittlerweile für viele Menschen ein realistischer Weg.
Was bedeutet Arbeit für dich? Gibt sie dir Struktur und Erfüllung oder ist sie vor allem ein notwendiges Übel? Wie viel deines Einkommens kannst du monatlich für deine Ziele einsetzen, ohne zu sehr auf Lebensfreude im Hier und Jetzt verzichten zu müssen? Wie gut gehst du mit Risiken um? Deine Antworten bestimmen, welcher Weg am besten zu dir passt.
Letztendlich geht es nicht um das Label. Es geht darum, bewusster mit deiner Zeit und deinem Geld umzugehen und ein Leben aufzubauen, das optimal zu dem passt, was dir wichtig ist.