Ein Finanzsystem, das wirklich zu Ihnen passt
Jeder Mensch ist schließlich anders, und was für den einen ein logisches System ist, ist für den anderen ein täglicher Kampf. Es geht darum, herauszufinden, was für Ihre Situation funktioniert. Und mindestens genauso wichtig: dass wir ohne Vorurteile auf die finanziellen Herausforderungen des anderen blicken.
In diesem Blog tauchen wir in die sogenannte 'ADHS-Steuer' (im Englischen auch „ADHD-tax“) ein und teilen Tipps, um Ihre Finanzen übersichtlich zu halten.
Zusammenfassung:
Erkennen Sie die 'ADHS-Steuer': Unnötige Kosten durch vergessene Rechnungen oder Abos sind kein Charakterfehler, sondern ein Zeichen dafür, dass ein bestimmtes System nicht zu Ihnen passt.
Automatisieren und vereinfachen Sie: Entlasten Sie Ihr Arbeitsgedächtnis, indem Sie Fixkosten und das Sparen automatisieren, und halten Sie Ihre Übersicht extrem simpel.
Bremsen Sie Impulse aus: Bauen Sie mit der 24-Stunden-Regel kleine Kaufhürden ein und erstellen Sie ein 'Dopamin-Menü' als Alternative zum Online-Shopping.
- Seien Sie nachsichtig mit sich selbst: Fehler passieren. Fangen Sie diese ganz ohne Stress mit einem speziellen 'Vergissmeinnicht'-Töpfchen auf.
Was genau ist die 'ADHS-Steuer'?
Der Begriff 'ADHS-Steuer' ist keine offizielle Diagnose oder ein fester Kostenpunkt auf Ihrem Kontoauszug. Es ist ein treffender, informeller Sammelbegriff für die vermeidbaren Zusatzkosten, die durch Reibungsverluste in der alltäglichen Organisation entstehen.
Diese unsichtbare Belastung versteckt sich oft in kleinen Dingen:
Die vergessene Rechnung: Sie hatten genug Guthaben, aber die Rechnung blieb ungeöffnet in Ihrem Postfach liegen. Die Folge: Mahngebühren.
Der Abo-Friedhof: Sie starten einen kostenlosen Probemonat, vergessen ihn rechtzeitig zu kündigen und zahlen am Ende monatelang für eine App, die Sie gar nicht nutzen.
Die Kühlschrank-Überraschung: Sie kaufen hochmotiviert frische Zutaten, aber sie verschwinden hinten im Kühlschrank. Letztendlich müssen Sie das Essen wegwerfen und bestellen sich doch etwas online.
- Der Doppelkauf: Sie kaufen ein neues Ladekabel oder eine Flasche Shampoo, nur um beim Aufräumen festzustellen, dass Sie noch zwei davon herumliegen hatten.
Darüber hinaus zeigt sich die ADHS-Steuer bei verpassten Rücksendefristen (die Hose, die schon seit zwei Wochen im Flur liegt), zu spät abgesagten Zahnarztterminen oder dem 'Dopamin-Kauf' nach einem stressigen Tag.
Befreien Sie sich von der Scham
Diese zusätzlichen Kosten haben absolut nichts mit Intelligenz oder Disziplin zu tun. Es sind lediglich Signale dafür, dass Ihr aktuelles Finanzsystem mehr (externe) Unterstützung benötigt.
Wie das funktioniert? Kurz gesagt: Deutsche medizinische Leitlinien (wie etwa die der AWMF) beschreiben, dass ADHS Auswirkungen auf Ihre exekutiven Funktionen haben kann. Das sind die mentalen Fähigkeiten, mit denen Sie Ihr Verhalten steuern. Dazu gehören:
- Planen und Organisieren
- Den Überblick behalten
- Impulse bremsen
Wenn diese Funktionen vorübergehend oder strukturell weniger gut verfügbar sind, kostet es schlichtweg mehr Mühe, alle finanziellen Bälle in der Luft zu halten.
Gut zu wissen: ADHS äußert sich bei jedem anders; nicht jeder mit ADHS erlebt exakt dieselben finanziellen Hürden.
Ein Kampf, den viele kennen
Sie brauchen keine offizielle Diagnose, um das zu erkennen. Fast jeder erlebt ab und zu Chaos im Kopf. Ein sehr stressiges, volles Leben führt genauso schnell zu unnötigem Geldstress. Die Lösung liegt darin, es sich selbst leichter zu machen, indem Sie herausfinden, was für Sie gut funktioniert.
Gut zu wissen: Dieser Blog teilt praktische Finanztipps und ist keine medizinische Beratung. Vermuten Sie, dass Sie ADHS haben, oder schränken Sie diese Beschwerden im Alltag ein? Besprechen Sie dies dann immer mit Ihrem Hausarzt.
8 praktische Tipps für finanzielle Ruhe mit einem unruhigen Gehirn
Der Kern eines guten Systems? Machen Sie 'erwünschtes' Verhalten einfacher als 'unerwünschtes' Verhalten. Verlassen Sie sich nicht auf Ihr Gedächtnis oder Ihre Willenskraft in Momenten, in denen Sie ohnehin schon müde oder abgelenkt sind. Wählen Sie vor allem die Lösung, die für Sie machbar ist. Nichts muss, alles darf!
1. Automatisieren Sie so viel wie möglich
Ihr Gedächtnis ist kein verlässlicher Terminkalender. Automatisieren Sie deshalb alle vorhersehbaren Zahlungen. Lassen Sie Ihr Gehalt eingehen und stellen Sie ein, dass Ihre Fixkosten direkt am nächsten Tag abgebucht werden.
Wenden Sie dies auch auf Ihr Erspartes an, über das 'Pay yourself first'-Prinzip. Indem Sie einstellen, dass direkt am Tag des Gehaltseingangs automatisch gespart wird, müssen Sie nicht mehr darüber nachdenken. Das Geld ist bereits sicher in Online-Spartöpfen beiseitegelegt, bevor Sie überhaupt die Chance haben, es auszugeben.
→ Tipp: Wollen Sie Ihr Geld digital ohne Aufwand aufteilen? Lesen Sie unseren Blog: Cash Stuffing: Wie gehen Sie das mit digitalem Banking an?
2. Entlasten Sie Ihr Arbeitsgedächtnis
Ein häufiger Fehler ist das Erstellen einer komplizierten Excel-Tabelle mit zwanzig Reitern und Farbcodes. Das funktioniert in der ersten Woche fantastisch, aber danach öffnen Sie die Datei nie wieder.
Halten Sie Ihre Fixkostenübersicht extrem simpel, um Ihr Arbeitsgedächtnis zu entlasten. Wählen Sie einen einzigen Ort für Ihre Finanzen. Arbeiten Sie mit drei klaren Kategorien: Fixkosten, frei verfügbares Geld und Sparen. Weniger Reiter und Kategorien sind oft viel effektiver als ein perfektes, aber unpraktikables System.
Schließen Sie ein Probe-Abo ab? Stellen Sie sich direkt in demselben Moment einen Wecker in Ihrem Handy auf ein Datum vor der Zahlungsfälligkeit.
→ Tipp: Brauchen Sie eine einfache Basis für den Start? Lesen Sie unseren Blog: Einblick in Ihre Einnahmen und Ausgaben: So bekommen Sie Ihr Geld in den Griff.
3. Bremsen Sie Impulskäufe mit der 24-Stunden-Regel aus
Impulskäufe sind oft die Suche Ihres Gehirns nach schnellem Dopamin. Nach einem stressigen Tag fühlt sich der Online-Kauf wie eine direkte Belohnung an. Das Aufschieben dieser Belohnung ist schwer, wenn Ihr Gehirn genau nach diesem Reiz sucht.
Sie können dieses Muster durchbrechen, indem Sie sogenannte Kaufhürden einbauen:
Löschen Sie gespeicherte Kreditkartendaten aus Onlineshops und melden Sie sich von kommerziellen Newslettern ab.
Sehen Sie etwas, das Sie unbedingt haben möchten? Legen Sie es in Ihren digitalen Warenkorb, schließen Sie den Tab und warten Sie 24 Stunden (oder 72 Stunden bei größeren Beträgen). Oft ist der Drang zu kaufen am nächsten Tag schon wieder verschwunden.
4. Richten Sie sich ein „Vergissmeinnicht“-Töpfchen ein
Akzeptieren Sie, dass kleine Fehler dazugehören. Sie werden irgendwann mal ein Knöllchen bekommen oder eine Rücksendefrist verpassen. Wenn Ihre Finanzen zu knapp kalkuliert sind, sorgt so ein Fehler sofort für Panik. Zum Glück gibt es auch dafür eine Lösung.
Legen Sie sich einen kleinen, separaten Spartopf an: die Fehlermarge oder den Chaos-Puffer. Zahlen Sie hier monatlich einen kleinen Betrag ein. Geht mal etwas schief? Dann bezahlen Sie es aus diesem Topf. Das nimmt die Scham und den Stress, da Sie es ohnehin schon mit eingeplant hatten.
→ Tipp: Wollen Sie wissen, wie Sie ein größeres Sicherheitsnetz für unerwartete Kosten aufbauen? Lesen Sie unseren Blog: Wie viel Erspartes sollten Sie für einen guten Puffer haben?
5. Planen Sie ein 'Money Date' (gemeinsam ist es leichter)
Administration ist langweilig, und ein Gehirn, das Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit hat, schiebt langweilige Aufgaben am liebsten auf. Ein bekannter Trick aus der ADHS-Community ist das sogenannte Body Doubling. Das bedeutet schlichtweg, dass Sie eine Aufgabe gemeinsam mit jemand anderem erledigen.
Verabreden Sie sich mit einem Freund, einer Freundin oder Ihrem Partner für ein monatliches 'Money Date'. Kochen Sie sich einen Kaffee, klappen Sie beide Ihre Laptops am Küchentisch auf und arbeiten Sie 30 Minuten lang an Ihren eigenen Finanzen. Sie müssen sich dabei nicht einmal aktiv helfen; allein die Anwesenheit des anderen reicht oft aus, um die Hemmschwelle zu senken.
6. Erstellen Sie ein 'Dopamin-Menü'
Wenn Online-Shopping Ihre Art ist, nach einem langen Tag zu entspannen, ist es schwer, damit einfach so aufzuhören. Ihr Gehirn sucht schließlich nach einer Belohnung.
Erstellen Sie deshalb ein 'Dopamin-Menü' in Ihrem Handy. Das ist eine Liste mit kostenlosen oder günstigen Dingen, die Ihnen ebenfalls ein gutes Gefühl geben. Zum Beispiel: Ihre Lieblingsmusik auflegen, spazieren gehen, einen Freund anrufen oder einen bestimmten Snack essen.
Spüren Sie den Drang zu shoppen? Wählen Sie stattdessen zuerst etwas von Ihrem Menü.
7. Schaffen Sie visuelle Reibung und feste Plätze
Wir bezahlen heutzutage oft auf Autopilot. Sie können diesen Autopiloten unterbrechen, indem Sie sich buchstäblich eine Hürde einbauen.
Kleben Sie zum Beispiel einen kleinen, grellfarbigen Sticker auf Ihre physische Bankkarte. Oder ändern Sie den Hintergrund Ihres Handys (wo sich Ihre Banking-App oder Apple/Google Pay befindet) in ein Bild Ihres Sparziels oder einen Text wie: "Brauche ich das JETZT wirklich?". Es klingt vielleicht verrückt, aber diese eine Sekunde Ablenkung ist oft genau das, was nötig ist, um Ihr Arbeitsgedächtnis wieder 'einzuschalten'.
Wenden Sie dies auch zu Hause an: Vermeiden Sie Lebensmittelverschwendung, indem Sie eine sichtbare „Zuerst aufbrauchen“-Box in den Kühlschrank stellen. Doppelte Käufe gehören der Vergangenheit an, wenn Sie einen festen, sichtbaren Platz für Schlüssel, Ladekabel und andere Dinge schaffen, die Sie oft brauchen.
8. Machen Sie Sparen zu einem Spiel
Ein Gehirn, das sich schnell langweilt, braucht sichtbare Belohnungen. Anstelle einer unsichtbaren Zahl auf einem Bildschirm können Sie das Sparen visuell machen.
Drucken Sie sich zum Beispiel eine Spar-Malvorlage aus und hängen Sie diese an den Kühlschrank. Für jede 50 €, die Sie in Ihren Spartopf einzahlen, malen Sie ein Kästchen aus. Das mag simpel klingen, aber das Sichtbarmachen von Fortschritten gibt Ihnen genau den Dopamin-Kick, den Sie sonst aus dem Geldausgeben ziehen.
Feiern Sie das, was funktioniert
Ihre Finanzen in Ordnung zu bringen, fühlt sich vielleicht an wie das Besteigen eines unüberwindbaren Berges. Aber Veränderung ist nichts, was auf Anhieb perfekt klappt. Kleine Schritte sind der größte Gewinn. Fokussieren Sie sich darauf:
- Ein ungenutztes Abo gekündigt? Das ist Fortschritt.
- Einen Online-Kauf 24 Stunden aufgeschoben? Ein absoluter Gewinn.
- Ein Lastschriftverfahren für eine Rechnung eingerichtet, die Sie oft vergessen? Gut gemacht!
Ihre finanzielle Routine muss nicht fehlerfrei sein, um Ihnen Ruhe zu geben. Indem Sie Ihr Umfeld so gestalten, dass es zu Ihnen passt, vermeiden Sie unnötige Kosten und schaffen Platz. Nicht nur in Ihrem Kopf, sondern auch auf Ihrem Sparkonto. So behalten Sie mehr Geld für die Träume übrig, die Ihnen wirklich wichtig sind.
Kommen Sie strukturell mit Rechnungen oder Schulden nicht weiter? Bleiben Sie damit nicht allein. Einrichtungen wie Schuldnerberatungsstellen (z. B. Caritas, Diakonie, Verbraucherzentralen) oder Ihre Gemeinde können Ihnen vorurteilsfrei weiterhelfen.